Geistliches Wort von Diözesanpräses Msgr. Dr. Stefan Killermann
Aber nicht als starker Machthaber, nicht als großer Gelehrter, nicht als einer, der uns Angst und Schrecken einjagt, kommt der Sohn Gottes auf die Erde nieder, sondern als einer, der angewiesen ist auf die Hilfe von Menschen, als einer, der sich hilflos in unsere Hand gibt. Und er kommt auch nicht irgendwohin, er kommt zu uns, zu jedem von uns, da, wo wir Menschen sind, auf die Erde. Nicht in einen goldenen Palast kommt dieses Christuskind, nicht in das Paradies auf Erden, nicht zu Menschen, denen kein Wunsch unerfüllt bleibt. Nein, es kommt in die Armut und Kälte und Finsternis dieser Welt. Es kommt zu denen, die in der Finsternis sitzen und im Schatten des Todes. Aber es kommt, um Licht in sie zu bringen. Es kommt, um die Kranken gesund zu machen und die Sünder zu sich zu rufen. Es kommt, um unsere Schmerzen und Leiden auf sich zu nehmen und uns zu erlösen durch seinen Tod.
Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. „Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus, geht auf allen Wegen mit uns ein und aus“. Nicht nur nach Bethlehem ist dieses Christuskind vor 2000 Jahren auf die Erde niedergekommen. Alle Jahre wieder kommt es auch zu uns. „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf", heißt es im Evangelium. Ob die Bewohner den Segen, mit dem er in jedes Haus kommt, annehmen, hängt von ihnen ab. Das Christuskind stellt keine Bedingungen. Es hält seinen Segen für jedes Haus bereit. Wir wissen ja: „Himmel, Erde, Luft und Meere sind erfüllt von seinem Ruhm; alles ist sein Eigentum!“ Das Christuskind kommt in Krankenhäuser und Altersheime, in zerbombte Wohnblocks in der Ukraine und in Flüchtlingslager in Syrien. Es kommt in ein Haus, wo Friede ist, und es kommt in ein Haus, wo Streit herrscht. Es kommt in ein Haus, wo gebetet wird, und es kommt in ein Haus, wo keiner an dieses Kind glaubt. Denn Gott ist zur Welt gekommen für die Sünder und die Frommen. Und er lässt seine Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte. Das Christuskind, das alle Jahre wieder zu uns kommt, geht auf allen Wegen mit uns ein und aus: auf Wegen, die wir gerne und mit Freude gehen, und auf Wegen, die uns Angst machen, auf geraden und auf krummen Wegen, und auch dann, wenn wir nicht mehr aus- und nicht mehr ein wissen.
„Ist auch mir zur Seite, still und unerkannt, dass es treu mich leite an der lieben Hand“. Auch mir will das Christuskind mit Rat und Tat zu Seite stehen. Still und unerkannt nimmt es mich bei der Hand. Es ist an meiner Seite und begleitet mich in jeder Lage meines Lebens. Es ist bei mir, ob ich gehe oder stehe, ob ich wach bin oder schlafe. Das Christuskind, das gekommen ist, um mir unerkannt zur Seite zu stehen im Leben und im Sterben, es wird, wenn ich mich treu von ihm leiten lasse, auch dann noch als mein Mittler und Fürsprecher für mich eintreten, wenn ich einmal Rechenschaft ablegen muss vor Gott beim Jüngsten Gericht.
Ja, alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind. Und es kommt immer wieder auch zu mir, und das nicht nur an Weihnachten. Zwar gibt es sich nicht mehr als kleines, hilfloses Kind in meine Hand. Aber es liefert sich mir aus in der winzigen Gestalt einer Hostie. Ich kann es anfassen, ich kann es in mich aufnehmen und kann mich wieder neu erfüllen lassen von seiner Gegenwart und seiner Gnade. In einem kleinen Stück Brot, das in jeder heiligen Messe bei der Wandlung zu seinem Leib wird, kommt der Mensch gewordene Gott zu mir und wird in mir lebendig.
Immer wieder neu kehrt er so bei uns ein mit seinem Segen. Alle Jahre wieder und an allen Tagen unseres Lebens, an denen wir bereit sind, ihn zu empfangen, ist er bei uns und geht mit uns auf unseren Wegen ein und aus. Adolph Kolping sagt deshalb zu Recht: „Jesus Christus, Gottes Sohn, ist die gewaltigste Weltwahrheit, die wir besitzen“.
Msgr. Dr. Stefan Killermann, Diözesanpräses